Matinée zu Ehren der Architektur: Die Rede des Bundespräsidenten
Matinée zu Ehren der Architektur: Die Rede des Bundespräsidenten

09.07.2015

 

Dass die Politik die Architektur ehrt, ist noch nicht zu häufig vorgekommen. Am 3. Juli 2015 hatte Bundespräsident Joachim Gauck anlässlich der runden Geburtstage der Architekten Helmut Jahn, Meinhard von Gerkan und Gottfried Böhm zu einer Matinée zu Ehren der Architektur in Schloss Bellevue eingeladen. Auch der kürzlich verstorbene Frei Otto sollte bei dieser Gelegenheit geehrt werden. Nun nahmen seine Frau und seine Tochter teil.

Die künstlerischen Beiträge standen im Zeichen der Architektur und Baukunst. Zum Auftakt hielt der Bundespräsident eine Rede. Der Schauspieler Burghart Klaußner las aus Goethes „Über das Straßburger Münster”. Die ebenfalls von ihm gelesenen Robert Gernhardt-Gedichte handelten vom gelungenen und weniger gelungenen Bauen. Salome Kammer sang Kurt Weill-Lieder rund um Stadt und Wohnen.

Die Matinée bot den rund 140 internationalen Gästen aus Architektur und Kunst – darunter auch Vertreter der jüngeren Generation von Architekten – Gelegenheit zum Austausch. Für den BDA-Bundesverband nahmen Präsident Heiner Farwick und Chefredakteur Andreas Denk teil.

 

Bundespräsident Joachim Gauck bei der Matinée zu Ehren der Architektur am 3. Juli 2015 in Schloss Bellevue

Ich begrüße Sie alle sehr herzlich. Das ist ein besonderer Tag. Wir haben in diesem Schloss Bellevue viele verschiedene Gäste, manchmal die Queen, manchmal Bürgerinnen und Bürger aus der Mitte unserer Bevölkerung. Noch nie gab es aber hier im Schloss Bellevue einen speziellen Empfang für Architekten, für Baufachleute, für Architekturkenner und -kritiker, für Bauherren und private Architekturbüros.

Ich freue mich also wirklich sehr, dass Sie alle gekommen sind – und dass Sie zahlreich gekommen sind. Denn auch das, eine  solch hohe Quote an Zusagen, hat es, wie mir das Protokoll gesagt hat, noch nicht gegeben.

Warum sind wir hier zusammen?

Ich möchte ganz bewusst als Bundespräsident einmal die Bedeutung der Architektur und der Architekten für unser Land, für unsere Gesellschaft, für unser Empfinden und unsere Erfahrung von Raum und von Zuhause deutlich machen.

Nicht dass Architekten unbeachtet wären. Das kann man nun wirklich nicht sagen. Aber in jüngster Zeit ist der Zusammenhang, in dem über die Architektur gesprochen und geschrieben wird, oft negativ besetzt. Entschuldigen Sie, dass ich das sage, aber ich will nicht völlig an der Wirklichkeit vorbei gehen. Wir machen uns aber oftmals keine Vorstellung davon, dass Architekten oft gar nicht Schuld daran sind, wenn etwas nicht fertig wird oder wenn etwas viel zu teuer wird. Das hat manchmal auch andere Ursachen. Darum also soll es heute bei diesem Treffen, nicht gehen.

Mir scheint vielmehr eine deutliche Geste der Dankbarkeit an der Zeit zu sein. Denn es gibt sehr viel großartige Architektur in unserem Land und großartige Architekten aus unserem Land, die in aller Welt bauen. Sehr viele Gedanken um gute Baukunst gibt es hier – und sehr viele Pläne guter Baukunst werden auch Wirklichkeit.

Ich freue mich sehr, dass der Anlass dieses Zusammentreffens mit vier Namen verbunden ist, die der Zufall runder Geburtstage in diesem Jahr zusammengeführt hat. Es sind vier Namen, die für große Baukunst stehen. Sie sind auch unterschiedlich, vielleicht sogar gegensätzlich genug, dass sie mir geeignet erscheinen, die Architektur dieses Landes insgesamt zu ehren, indem ich diese vier hochleben lasse. Diese Vier zeigen beispielhaft, was gute Architektur vermag:

Gute Architektur kann Räume erschaffen, in denen Menschen ihre tiefsten spirituellen Empfindungen erleben, ja, in denen sie beten können, wie etwa in Kirchen von Gottfried Böhm, allen voran die Kirchein Neviges, dem vielleicht besten Beispiel dafür, wie schön man mit Beton bauen kann und dem wohl letzten wirklichen Dom in Deutschland.

Sie kann, wie bei Meinhard von Gerkan, Bahnhöfe und Flughäfen erfinden, in denen die Menschen sich nicht abgefertigt fühlen, sondern die der Freude des Aufbruchs und der Freude des Ankommens Raum geben, Räume, die beides bieten: Geborgenheit und Weite – und die dazu noch so praktisch sind wie der darin unübertroffene Flughafen Tegel.

Sie kann unverwechselbare Orientierungsmarken setzen, wie die Türme Helmut Jahns oder sein Sony-Center hier in Berlin, die das Gesicht der Stadt prägen. Den Besuchern vermitteln sie Anmut und die Faszination des Außergewöhnlichen und den Menschen einer Stadt das Gefühl von Heimat und Zugehörigkeit.

Und sie kann, wie beim Münchener Olympiadach von Frei Otto, das ideale Selbstgefühl eines ganzen Landes zum Ausdruck bringen. So wie dieses Dach würden wir unseren Staat, unser Land gerne sehen:
souverän und schwungvoll, behütend und transparent, sicher gegründet und voller Leichtigkeit.

Frei Otto, der die Einladung zu diesem Tag noch erhalten hat, ist noch vor seinem 90. Geburtstag verstorben – und so gedenken wir heute dieses wahrhaft freien Geistes. Ich freue mich, dass seine Frau Ingrid und seine Tochter Christine unter uns sind. Ich begrüße Sie herzlich.

Unterschiedlich sind alle vier Genannten – und große Unterschiede finden sich gewiss auch heute hier in diesem Raum. Das muss so sein, diese Verschiedenheit. Auf unserer Einladungskarte war ein mittelalterlicher Chorumgang abgebildet und dazu die Inschrift, dass zwei Männer diesen Chor erfunden hätten – „inter se disputando“:„in gemeinsamer Diskussion“.

Das habe ich ganz bewusst ausgewählt, denn darum muss es immer wieder gehen: dass um die Architektur disputiert wird, unter Architekten – aber möglichst auch in weiten Teilen der Öffentlichkeit.

Ich bin mir im Klaren darüber, dass gute Architektur nicht durch Volksabstimmung entsteht. Aber der Architektur kann niemand ausweichen, im Gegensatz zu einem Gedicht oder einem Musikstück, einem Bild oder einem Film. Und darum geht sie alle an. Und darum haben auch alle etwas dazu zu sagen.

Wir brauchen deswegen auch einen kompetenten Architekturjournalismus, der einerseits das Neue versteht und erklärt und andererseits aber auch die Luft herauslassen kann aus mancher aufgeblasenen Projektprosa. Einen Journalismus, der die Verantwortlichen daran erinnert, dass Wohnen und Leben in menschengemäßen Räumen kein unmäßiger Anspruch ist. Ich erlaube mir deshalb hier an den vor kurzem viel zu früh verstorbenen Dieter Bartetzko zu erinnern, dessen leidenschaftliche Plädoyers für gutes Bauen seine Kollegen und Nachfolger hoffentlich inspirieren.

Kein Architekt vermag etwas ohne verständige Bauherren – und gegen die Vorschriften. Ich freue mich, dass die Bundesbauministerin hier ist. Frau Ministerin: Ich wünsche mir, dass unsere Architekten nicht nur vorschriftsmäßig bauen, sondern auch die Freiheit zum Experiment erhalten. Gerade der öffentliche Bauherr könnte mit gutem Beispiel vorangehen, könnte neue Wege ausprobieren, kreative Lösungen ermutigen und Ungewohntem eine Chance geben.

Ich weiß, dass viele hier sind, die solche neuen Wege schon gegangen sind oder gehen. Das sind einmal die Berühmten und Gefeierten, über deren Anwesenheit ich mich besonders freue, weil sie uns alle ehrt.

Ich freue mich aber auch, dass eine ganze Reihe junger Architekten hier ist, die mit interessanten, manchmal auch verrückten Lösungen auf sich aufmerksam gemacht haben – bis hin zur ersten Architekturschule für Kinder und Jugendliche, die es in Bremen gibt. Man kann ja, wenn wir an dieses letzte Beispiel denken, gar nicht früh genug anfangen, sich mit der öffentlichen Angelegenheit, die die Architektur ist, zu befassen.

Und ich möchte heute Mittag gerade diesen jungen Architekten Mut machen. Ich weiß, dass Sie es nicht leicht haben; ich weiß, dass viele schwer ein Auskommen finden. Und gerade deswegen sind Sie hier und gerade deswegen möchte ich Sie ermutigen, da, wo Sie können, unserem Land neue Akzente zu geben, unser Wohnen und Zusammenleben zu bereichern.

Große Architektur ist übrigens auch und vielleicht vor allem diesseits von Frauenkirche, Kölner Dom und Elbphilharmonie zu suchen und zu finden. Kein Reihenhaus, kein Keller, kein Boden, keine Terrasse, ja: Keine Garage ist eigentlich zu nebensächlich und zu unbedeutend, um nicht mit Witz und Ideen, mit Anmut und Charme gestaltet zu werden. Hier zeigt sich vielleicht gerade ein Meister!

Ich würde mir übrigens wünschen, dass junge und alte Meister, berühmte und weniger berühmte, sich heute hier miteinander bekannt machen. Im Schloss Bellevue soll jeder jeden ansprechen können.

Dazu ist dieses Schloss da!

Vitruv hat gesagt …

Goethe hat gesagt …

Adorno hat gesagt …

Nein, ich erspare Ihnen heute die geläufigen Meisterdenkerzitate über Architektur.

Ich will nur noch auf einen Sachverhalt in einem alten Buch aufmerksam machen. Sie ahnen vielleicht schon, welches Buch ich meine. Am Anfang der Bibel steht als Utopie eines menschengemäßen Raumes ein Naturgarten: das Paradies. Am Ende aber steht als Utopie alles Zusammenlebens: die Stadt!

Das sogenannte himmlische Jerusalem. Jeder Architekt baut im Grunde doch mit an einer Welt, in der die Menschen glücklich und friedlich miteinander leben wollen und können, in der ihre Seele gleichzeitig ruhig und ganz weit wird. Jede gelungene Architektur, jede geglückte Urbanität dürfen wir vielleicht auch als Vorschein einer solchen ersehnten Bleibe deuten.

Dass wir gerne sind, wo wir sind, dass wir gerne arbeiten, wo wir arbeiten, dass wir Heimat empfinden und gleichzeitig auch die Ahnung bekommen von etwas, das größer ist als wir selber – all das kann gute Architektur bewirken.

In diesem Sinne, meine Damen und Herren, erheben Sie bitte mit mir das Glas auf Gottfried Böhm, Meinhard von Gerkan, Helmut Jahn, zum Gedenken an Frei Otto und zu Ehren der Architektur. Noch einmal: Herzlich Willkommen hier im Schloss Bellevue!

 

Wiedergabe der Rede mit freundlicher Genehmigung des Bundespräsidialamts.

Bericht von Gerhard Matzig auf sueddeutsche.de



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