Rettet den niedersächsischen Landtag!
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Wettbewerbsergebnis für die Neukonzeption des Niedersächsischen Landtags von Koch Panse Architekten BDA (2002)

19.03.09

 

Resolution des Bundes Deutscher Architekten BDA zum Erhalt des Plenarsaals des niedersächsischen Landtags von Dieter Oesterlen in Hannover

Die Baukommission des niedersächsischen Landtages hat im November 2008 beschlossen, das denkmalgeschützte Plenarsaalgebäude des Architekten Dieter Oesterlen (1911-1984) abzureißen und durch einen Neubau zu ersetzen. Wir protestieren gegen diesen Beschluss mit aller Entschiedenheit.

Das Landtagsgebäude vom auch international bekannten Architekten Dieter Oesterlen ist ein herausragendes Denkmal der Wiederaufbaujahre der Bundesrepublik Deutschland. Dem Architekten ist es mit dem Wettbewerbsentwurf 1954 gelungen, mit dem neuen Landtag ein Gegenbild zur Architektur des Dritten Reichs zu entwerfen, das internationale Beachtung gefunden hat. Analog zu Hans Schwipperts neuem Bundestag in Bonn (1949), Egon Eiermanns und Sep Rufs deutschem Pavillon auf der Weltausstellung in Brüssel 1957 und Sep Rufs Kanzlerbungalow von 1961 ist Oesterlens Bau, 1962 realisiert, ein Meilenstein für die Formulierung einer demokratischen Architektur in Deutschland.

Das Besondere des Entwurfs ist die ungewöhnliche Verbindung alter, überlieferter Architektur mit Neuem: Das Leine-Schloss war im zweiten Weltkrieg bis auf die Umfassungsmauern abgebrannt. Oesterlen schlug einen Wiederaufbau der Ruine vor und ersetzte lediglich einen völlig zerstörten Flügel durch den Plenarsaaltrakt: Dessen originelle Synthese der steinernen Architektur des Schlosses mit den typischen Gestaltungselementen der Moderne transformiert und interpretiert die überlieferte Architektur neu. Mit dieser Konzeption schuf der Architekt ein eindrucksvolles Zeugnis für die konzeptuelle Weiterentwicklung historischer Architektur unter Maßgabe einer völlig neuen Sinngebung.

Dieter Oesterlen ist einer der bedeutendsten Architekten der Wiederaufbau-generation. Sein Wirken im Rahmen der „Braunschweiger Schule“ - gemeinsam mit Friedrich Wilhelm Kraemer und Walter Henn - hat nicht nur das Stadtbild Hannovers wesentlich geprägt, sondern ist und bleibt ein fundamentaler Beitrag zur Architekturgeschichte der Bundesrepublik. Die Adaption der Schlossruine als niedersächsischer Landtag ist das herausragende Beispiel für Oesterlens in jener Zeit ungewöhnliche, für spätere Architektengenerationen jedoch wegweisende Haltung, wie sich tradierte Architektur typologisch und funktional für die Anforderungen der demokratischen Gegenwart nutzen lässt.

Der Beitrag, der im Rahmen eines Wettbewerbs von 2002 mit einem ersten Preis ausgezeichnet wurde, hat Mittel und Wege aufgezeigt, wie dieses Meisterwerk mit seiner kunstvollen Verbindung alter und neuer Bausubstanz erhalten und mit zeitgenössischen architektonischen Mitteln sinnvoll und den Absichten des Landtags zweckdienlich weiterentwickelt werden kann.

Mit der Entscheidung für einen Abriss enthebt das niedersächsische Parlament die Republik, das Land und sich selbst eines unverzichtbaren Zeugnisses der parlamentarischen Geschichte und damit der Geschichte der Demokratie auf deutschem Boden. Die Länderhoheit bei Kultur und Denkmalschutz bedeutet eine besondere Vorbildfunktion und Verantwortung gegenüber der Allgemeinheit. Wir fordern das Parlament des Landes Niedersachsen deshalb nachdrücklich auf, in Anerkennung des allgemeinen Interesses aller heutigen und künftigen Bürger dieser Republik diesen Beschluss zu revidieren. Wie das Wettbewerbsergebnis von 2002 gezeigt hat, lässt sich der angesichts der singulären Bedeutung des niedersächsischen Landtagsgebäudes kulturelle Verlust eines einzigartigen und unwiederbringlichen Kulturdenkmals verhindern. Der Plenarsaal von Dieter Oesterlen muss erhalten bleiben!

 

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