Auf der Suche nach der eigenen Herkunft

Als Nomaden der Neuzeit verlassen wir – zum Studium, wegen besserer Berufschancen oder aus privaten Gründen – die Orte unserer biographischen Prägung. Kehren wir zu ihnen zurück, suchen wir in den städtischen Szenen nach eingeschriebenen Zeitspuren und Wiedererkennungsmerkmalen, die wir als das „Eigene“ empfinden wollen. Mit dem Spezifischen und Charakteristischen des Ortes, seinen Strukturen, seinen Räumen und seinen architektonischen Bildern identifizieren wir uns: Sie sind ein Teil unserer Identität geworden.

Der Erlebnis- und Erfahrungsraum der Stadt ist ein besonders prägendes Umfeld für unser Leben. Der Besuch vertrauter Orte und Teile der Stadt wird mitunter zur Zeitreise, bei der das Alte verändert erscheint, durch Neues ersetzt worden ist oder an seiner Stelle nur mehr eine Leerstelle im städtischen Gefüge ist. Städte sind in einem ständigen Wandel, und wir nehmen diese Veränderung jederzeit mehr oder weniger bewusst wahr. Dennoch besitzt jede Stadt, trotz ihrer beständigen Veränderung und trotz der vermeintlichen Ähnlichkeit zu anderen Städten unserer Zeit etwas Unverwechselbares, Typisches oder Einmaliges. Diese Besonderheit von Städten entsteht durch die Collage von Gebäuden, Plätzen und Straßen aus verschiedenen Epochen, in der sich Individuen bewegen, Gruppen einrichten, in der Gesellschaft wohnt.

Wie kann der individuelle Charakter eines Ortes in der Stadt bewahrt werden – trotz aller Wandlungen? Kann sich ein kollektives Gedächtnis in Bezug auf Stadt und ihre Architektur herausbilden, und kann so etwas wie ortsgebundene Identität entstehen? Insbesondere mit Blick auf die fortwährenden Verluste wertvoller Bauten aus den 1950er bis 1970er Jahren stellt sich die Frage, welchen Anteil diese Architektur für eine kulturelle Identität der Stadtgesellschaft hat, da sie bis heute einen Großteil der Bausubstanz unserer Städte bildet. Klimawandel, drohende Ressourcenknappheit, der demographische Umbruch unserer Gesellschaft und Migrationseffekte stellen uns vor neue Herausforderungen. Der Anspruch einer nachhaltigen städtischen Entwicklung kann uns in der grundlegenden Akzeptanz unterschiedlicher städtebaulicher Strukturen und in ihrer parallelen Weiterentwicklung gelingen. Ähnlich wie heutzutage besondere Lebensqualität in Gründerzeitbauten gesucht wird, kann auch die Nachkriegsarchitektur durch einen unvoreingenommenen Umgang neu bewertet und in ihren spezifischen Qualitäten anders genutzt werden.

Dafür sollte man ihre Herkunft aus dem Geist des Humanismus und ihre spezifischen philanthropischen Eigenschaften kennen: Licht, Luft, Sonne – die Grundmotive der Moderne waren einem menschlichen Ideal verpflichtet. Zu Beginn des letzten Jahrhunderts sollte ein neues Zeitalter des Wohnens und Arbeitens allen Schichten der Bevölkerung menschenwürdige Lebensverhältnisse sichern. In der Abkehr vom beengten, unwürdigen Wohnen maximal verdichteter Hinterhöfe der gründerzeitlichen Mietskasernen wurde eine radikal neue, funktionale Raumgestaltung zum erklärten Ziel des Wohnungsbaus und der stadtplanerischen Ansätze der Moderne.

Die hygienische, durchgrünte und verkehrsgerechte Stadt prägte als Idealvorstellung vom urbanen Lebensraum auch den Wiederaufbau der deutschen Städte nach dem Zweiten Weltkrieg. Durch den dringenden  Bedarf an neuen Wohnungen boten die Nachkriegsjahre Gelegenheit und Chance zur weit greifenden Umsetzung moderner Architekturprinzipien. Europaweit entstanden in unterschiedlichen politischen Systemen Bauwerke und Stadtteile in ähnlichen elementaren Formen, die mit neuen Materialien und Konstruktionsmethoden gebaut wurden. Die daraus resultierenden Stadträume, Baukörper und Fassaden verliehen den Ansprüchen auf Effizienz und Reproduzierbarkeit Gestalt. Sie entsprachen dem gesellschaftlichen Lebensgefühl dieser Zeit. Gesteigerte Transparenz und spannungsvolle Formen der Auflösung konstruktiver Materialien definierten eine rationale Poetik architektonischer Räume, die bis heute ein wesentliches bauliches Gestaltungsprinzip ist.

Der renommierte Stadtforscher Thomas Sieverts beschreibt rückblickend auf das 20. Jahrhundert den modernen Städtebau  als „ahistorisch in seinem Wesen“: „Er wollte ... ein für alle Mal eine optimale Umwelt schaffen, sozusagen das Paradies auf Erden – und das Paradies hat weder Vergangenheit noch Zukunft.“ Ist es dieser ahistorische Charakter des Nachkriegs-Städtebaus, der immer wieder zu einer ablehnenden Haltung gegenüber dem geschichtlichen Besonderen jener Zeit führt? Sieverts selbst mahnt an, die architektonischen Ausdrucksformen der Moderne als Teil unseres kulturellen Wertesystems zu betrachten. Heute brauchen wir schlüssige Konzepte für einen durchdachten Weiterbau der Stadt, der Antworten auf komplexe Fragen klimatischer Optimierung wie auch auf Lösungen zur Migration und Überwindung sozialer Segregation formuliert. Eine generelle Missachtung gegenüber den stadtbaulichen und architektonischen Zeugnissen der Nachkriegsjahrzehnte wiederholt letztlich den Fehler der sechziger Jahre, die Stadtquartiere des 19. Jahrhunderts als überkommen und politisch obsolet abzulehnen und mit Kahlschlagsanierungen zu überziehen.

Die Ausstellung und der Katalog „In der Zukunft leben!“ eröffnen einen Blick auf die aktuelle Wahrnehmung von scheinbar zu vernachlässigenden, verzichtbaren Bauten. Sechs ausgewählte Stadtportraits zeigen urbane Situationen und Raummuster auf, die exemplarisch für die architektonischen und städtebaulichen Prinzipien in Ost- und Westdeutschland stehen. Ausgehend von den Nachkriegsplanungen werden Entwicklungen der Stadt bis heute nachgezeichnet und damit gesellschaftliche und bauliche Veränderungsprozesse beschrieben. Interviews mit Zeitzeugen und Bewohnern spüren der gesellschaftlichen Rezeption der Stadt und ihrer Architektur aus der

Innensicht nach. In den Kommentaren wird deutlich, dass auch urbane Strukturen und architektonische Konzepte der 1950er und 1970er Jahre eine starke kulturelle Identität erzeugen. Wenn wir heute nach einem durchdachten Städtebau fragen, der ökologische Zielsetzungen, aber auch gesellschaftliche Aufgaben – vor allem die der Integration und Wahrung einer sozialen Vielfalt in unseren Städten – verfolgt, steht der Aspekt der individuellen und gemeinschaftlichen Akzeptanz städtischer Strukturen im Mittelpunkt, die letztlich zu einer Identifikation mit der Stadt führt, in der man lebt.

Die Betrachtung der Stadtsituationen zeigt, dass die vermeintlich abgelehnte und gering geschätzte Architektur der Nachkriegsepoche durchaus eine kulturelle Identifikation bei der Bevölkerung erzeugt. Wollen wir unsere Stadtgefüge weiterbauen und weiterentwickeln, müssen wir uns mit dem Bestehenden in einer viel bewussteren Weise auseinandersetzen als bisher. Die Werte der damaligen Konzepte und deren Identifikationsmuster sind zu erkennen und fortzuschreiben. Den Fehlentwicklungen müssen wir indes mit einem geschärften Blick für heutige und zukünftige gesellschaftliche Bedürfnisse begegnen. Die Ausstellung beschreibt deshalb auch Ansätze, wie die architektonischen und städtebaulichen Konzepte der 1950er bis 1970er Jahre erhalten werden können, wie Umbau und Weiterentwicklung der städtischen Situationen eine Fortschreibung identitätsbildender Muster ermöglicht.

Im Rahmen der Ausstellung „In der Zukunft leben!“ setzt sich der BDA für eine differenzierte Auseinandersetzung mit dem Bestehenden ein. Wir plädieren für eine Strategie des Weiterbauens, die auf die Kontinuität und Integration des Vorhandenen, also der historischen Schichten der Stadt setzt. Das Weiterbauen unserer Städte sollte weder im Zeichen eines folkloristischen Historismus noch eines Fortschritts um jeden Preis stehen, sondern vielmehr auf das behutsame und respektvolle Weiterdenken des Bestehenden in einem zeitgenössischen Verständnis gründen, das offensichtlich erst noch zu finden ist.

Unsere Identität entsteht nicht allein aus dem Erinnern des Schönen. Das Unvergessliche einer Stadt ist ihr gewachsenes architektonisches Bild: Inzwischen sind viele von uns in einer Umgebung aufgewachsen, die in den 1950er und den 1960er Jahren entstanden ist. Die moderne Stadt der Nachkriegszeit ist Selbstverständlichkeit, sie ist unsere Heimat. Vielleicht gehen wir sogar als Nomaden der Neuzeit eines Tages auf die Suche nach den eigenen Spuren. Wir suchen dann nicht allein die „alte“ Stadt, sondern die Stadt, in der wir groß geworden sind, die uns geprägt hat, mit der wir einen Teil unseres eigenen Lebens identifizieren. Sie zu missachten heißt, die eigene Herkunft in Frage zu stellen...

Autoren: Michael Frielinghaus, Präsident BDA, Friedberg und Doris Gruber, Vizepräsidentin BDA, Berlin
Quelle: Ausstellungskatalog "In der Zukunft leben. Die Prägung der Stadt durch den Nachkriegsstädtebau"

Seite drucken

Seite versenden